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KUNST+PROJEKTE
Sindelfingen e. V.,
Germany - seit since 1989
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2014 DIESE KUNST

DIESE KUNST ∞ ∞
Generation APPS

2013 Gegenklänge

Gegenklänge

when sound interferes with the visual
Im Rahmen abstrakter Bilder der deutschen Nachkriegszeit

2012 !Perla_Miseria!

!Perla_Miseria!

2011 liberalis

liberalis ·

die Freiheit betreffend · Tanz des Verstehens
pursuit of liberty·
persuit of happiness

2010 the hybrid fuels ...

the hybrid fuels ...

suddenly this inside
  plötzlich diese Einsicht

2009 no fixed points

20 Jahre / years KUNST+PROJEKTE
... keine Fixpunkte im Raum
... no fixed points in space


2008
... on peas ...

… auf der Erbse …  on peas
– strange connections –
kunst und moden
 art and fashion


2007
Korrensdondenzen

Ivo Wessel
Korrespondenzen
Kunst und Literatur,
Enzyklopädien
und Deklinationen


2004-6 Fama Fluxus Mythos Beuys - Projekt 2004-6

Trilogie

Yellow PERIL,!
c'est moi.
N. J. Paik

Legende Paik


Originale


1 site - 2 places1site-
2places

Pluralskulptur
Jochen Gerz

 

Kunstfest
Hohenkarpfen

 

 


750 Bilder für Sindelfingen
mit Camera Obscura


Andreas Hauser: camera obscura
von Andreas Hauser, Goldschmied


iCode-Ivo Wessel BerlinEntwickelt von:
iCodeCompany, Ivo Wessel, Berlin



 

Im Rückblick

                                                                                                                  
DIESE KUNST  ∞∞  Generation Apps


Die Ausstellung geht ihrem Ende entgegen, und wie auch die Reaktionen der Besucher zeigen, sind es besonders Begriffe wie Netzwerk/Netzwerkstrukturen, die hervortreten. Und dies insbesondere im Zusammenwachsen von Kunst, Wissenschaft und Technologie.

Bereits in der Planungsphase haben wir mit dem Untertitel Das Netz der lebenden Gestalt nach dem gleichnamigen Buch von Frei Otto gearbeitet, ein Sonderdruck des Verlags Ulrich Keicher, Warmbronn. Die schön gestalteten Seiten dieses Buches, die Texte in eigener Typographie gesetzt, von Zeichnungen begleitet sind auf den Wänden des Galerieraumes ausgebreitet, zusammen mit einer Baumskulptur inmitten des Raumes, die die rational-metaphysische Seite der Gedanken hervortreten lässt. Christine Kanstinger hat ein farbiges Schattennetz in einem weiteren Raum installiert. Wie sich im Laufe der Ausstellung zeigt, haben die hier niedergelegten Gedanken ihre inspirierende Kraft für die gesamte Ausstellung entfaltet.

Das Netz der lebenden Gestalt von seinem Autor nach vieljähriger Arbeit als „Fantastereien eines Artfremden“ bezeichnet, ist ein naturwissenschaftliches Poem, das in Verbindung mit den Modellen (1) und gebauten Architekturen (2) an das Lehrgedicht des Lukrez De rerum natura (über die Natur der Dinge) erinnert. Lukrez hat einst, selbst spürbar anwesend, in überaus lebendiger Sprache das wissenschaftliche Denken ins Spiel gebracht. In einer Zeit (1. Jh. v. Chr.), in der die Menschen in Furcht vor der Schicksalsallmacht der Götter lebten, hat er in Anlehnung an die griechische Lehre seines großen Meisters Epikur gezeigt, woraus die Welt besteht, wie sie entstand – in Betonung der Lehre von den Atomen, aus denen in immer neuen Kombinationen alles hervorgeht: Mensch, Tier, Pflanze etc.

In der Beobachtung der Naturphänomene gibt es im Lehrgedicht des Lukrez Szenen, die heute den Forscher/Architekten Frei Otto anklingen lassen. Zu einer Gewitterszene mit Blitz und Donner heißt es: „Manchmal lassen Wolken in den Weiten des Himmels etwas hören wie das Flattern und Flappen der Sonnensegel, die sich, über großen Theatern gespannt, zwischen Masten und Rahen blähen“.

Im heutigen Zeitalter des Anthropozän (3) fordert offenbar der menschliche Geist, über alle schicksalsträchtigen Naturereignisse den Architekten/Wissenschaftler heraus, die technische Machbarkeit solcherart Sonnensegel zu erforschen. Jahrzehntelang hat Frei Otto in dem von ihm gegründeten interdisziplinären Institut für leichte Flächentragwerke in Stuttgart mit der Erforschung äußerst komplexer Segel/Dachlandschaften über große Spannweiten verbracht. Forschungen, die ihn heute im hohen Alter offenbar zu seinem naturwissenschaftlichen Poem Das Netz der lebenden Gestalt herausgefordert haben, „um dem Geheimnis der Gestaltentstehung näher zu kommen“, letztendlich „der materiellen Gestalt eines Lebewesens“.

Das Zusammenwachsen von Kunst, Wissenschaft und Technik (4) hat den jüngeren Tomás Saraceno, der das Werk von Frei Otto intensiv studiert hat (5), offenbar beflügelt, komplexe Netze und Sphären in großen Museumshallen (u. a. Hamburger Bahnhof Berlin, K21 Düsseldorf) zu verspannen, um seinen Visionen eines Lebens über der Erde, In Orbit, so der Titel der Düsseldorfer Ausstellung, näher zu kommen (6). Dabei hat er nicht die organoiden Strukturen aus den Augen verloren, wie das hybride Spinnennetz der Ausstellung zeigt, ein Habitat für lebende Spinnen – die allerdings in unserer Ausstellung das Weite gesucht haben (in einem der oberen Galerieräume zeigt sich ein neues Spinnennetz!).

Mikroskopische Schnittaufnahmen durch die Spinnennetze ergeben nach neuestem Stand der Technik ‚schöne‘ Bilder, wie die ausgestellten Fotografien zeigen. Mit spielerischem Verve hat Saraceno zudem „das kleinste Museum der Welt“ in der Ausstellung installiert, ein Experiment, das ihn ‚ganz unbiologisch‘ bei einem seiner Ausflüge zur NASA verwundert hat. Ein Wassertropfen rollt sich wie eine Quecksilberkugel zusammen, bei Verdunstung des Wassers eine hauchdünne Membran hinterlassend. (7)

Tino Sehgal greift den Netzcharakter des heute geopolitisch globalen Finanzmarktes auf. Als diplomierter Ökonom und Tänzer lässt er seine Kenntnisse in eine ‚immaterielle‘ Kunstpraxis einfließen, sehr praktikabel, da keine materiellen Güter weltweit herumgeschickt werden müssen. Eine subtile Methode, um die Besucher der Kunstausstellung in das komplexe Marktgeschehen einzubinden.

Persönlich angesprochen, gestisch animiert finden sich die Besucher in der leeren Hälfte des großen Mittelraums der Galerie unvermittelt in Situationen wieder, in denen es um ihre eigene Meinung geht, die, wenn ausgesprochen, von den Interpreten des ‚immateriellen Kunstwerks‘ von Sehgal finanziell honoriert wird. Auch die Interpreten des Werks erhalten eine finanzielle Vergütung ihres Zeitaufwands, sodass das Werk schließlich aus einem angemessenen Geben und Nehmen besteht: this is exchange! Das Werk spielt sich im Bewusstsein der Menschen ab.

Thomas Ruff, der bereits 1992 eine vielschichtige Ausstellung mit analogen Großfotografien im Oberlichtsaal des Galeriekomplexes ausrichtete, zeigt jetzt rein digital hergestellte Bilder. Ergebnisse seiner Erforschung der technischen Möglichkeiten der Bildgestaltung. Die Bilder verlangen aufgrund der großen Datenmenge einen Großrechner, den Ruff im deutschen Rechenzentrum von Jülich fand.

Nur ‚im digitalen Netz‘ zu erreichen sind die Medienprojekte von Via Lewandowsky und Ivo Wessel, die als Apps unter dem Stichwort Sindelfingen auf die eigenen Geräte (iPhone/iPad) heruntergeladen werden können. Bei Wessel erste Modelle für die zukünftige Dokumentation der Ausstellungen von K+P, bei Lewandosky ein absurdes Spiel.

Zusammengefasst: Die Ausstellung zeigt exemplarisch Werke, die das Zusammenwachsen von Kunst, Wissenschaft und Technologie in dieser Generation offenlegen. Die neuen Arbeiten sind eingebettet in einen Retrospektivteil, der im Treppenhaus des Haupthauses mit einer neuen Arbeit von Lawrence Wiener im Bezug zum Ausstellungsort Sindelfingen beginnt und sich im 2. Geschoss des Oktogons mit einem kurzen Einblick in die 25jährige Tätigkeit von KUNST+PROJEKTE Sindelfingen fortsetzt.

  1. Ausgewählte Modelle in der Ausstellung
  2. Bildtafeln zu den Architekturen in der Ausstellung
  3. Im Haus der Kulturen der Welt, Berlin, läuft zurzeit ein mehrjähriges Projekt zum Thema Anthropozän, dem menschlich (gemachten) Neuen. 2014 sind dort unter dem Titel: Practice Wonder Lawrence Weiner, Molly Nesbit und Tomás Saraceno zusammen aufgetreten. Ein Video in der Ausstellung zeigt Ausschnitte dieses Ereignisses.
  4. Am 19. Juni eröffnet das ZKM unter dem Titel Globale eine große Jubiläumsausstellung zur Gründung der Stadt Karlsruhe, in der insbesondere auf das Zusammenwachsen dieser Disziplinen hingewiesen wird.
  5. Anlässlich unserer Ausstellung haben wir ein erstes Treffen beider Künstler/Wissenschaftler arrangiert. Auszüge des Gesprächs auf Video in der Ausstellung.
  6. Frei Otto verweist in Das Netz der lebenden Gestalt auf die rein technisch erlangten Erkenntnisse bei weitest spannenden Seilnetzdächern für das Erkennen der Konstruktionsprinzipien der Spinnennetze, S. 158.
  7. Anspielungen zu solcherart Hydros finden sich in Das Netz der lebenden Gestalt.

    ibk